Im späten Mittelalter gab es eine eigene Buchgattung, die sich der Frage widmete, wie man gut stirbt: die Ars moriendi, wörtlich „die Kunst des Sterbens“. Diese Sterbebüchlein waren oft reich bebildert und sollten Menschen auf ihre letzte Stunde vorbereiten. Gut 500 Jahre später haben meine Schülerinnen und Schüler der Oberstufe im Religionsunterricht ein eigenes Ars moriendi gestaltet – als gemeinsames E-Book mit BookCreator.
Die Grundidee ist einfach: Jede und jeder gestaltet eine Doppelseite zu einem selbst gewählten Schwerpunkt rund um Tod und Sterben. Dazu kommt eine Einzelseite mit einem KI-generierten Bild zur Frage „Welche Farbe hat der Tod?“. Am Ende werden alle Arbeiten zu einem Buch zusammengeführt. Herausgekommen ist ein vielstimmiges Werk, das zeigt, wie unterschiedlich junge Menschen sich dem Thema nähern – von der Sterbehilfe-Debatte bis zum Tod im Kinderbuch.
Steckbrief
| Fach | Religion, gut übertragbar auf Ethik |
| Zielgruppe | Oberstufe, mit etwas mehr Begleitung auch Klasse 10 |
| Zeitbedarf | 4–6 Unterrichtsstunden |
| Tools | BookCreator (browserbasiert, in der kostenlosen Version bis zu 40 Bücher), ein KI-Bildgenerator – am besten das an deiner Schule eingeführte Tool, z. B. fobizz |
| Voraussetzungen | Internetzugang, ein Endgerät pro Person oder Tandem |
| Produkt | Ein gemeinsames E-Book: pro Person eine Doppelseite plus eine Bildseite |
So läuft das Projekt ab
Gemeinsamer Einstieg
Bevor es an die Tablets geht, braucht das Thema einen gemeinsamen Boden. Ein schöner Impuls ist Psalm 90,12: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Der Vers bringt auf den Punkt, worum es der mittelalterlichen Ars moriendi ging: Wer sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt, lebt bewusster. Im Unterricht haben wir außerdem die christliche Jenseitsvorstellung und den Auferstehungsgedanken behandelt. Das gibt den Lernenden einen theologischen Bezugspunkt, an dem sie ihre eigenen Themen später spiegeln können.
Der Tod ist ein Thema, das nah gehen kann. Manche Lernende haben vielleicht gerade einen Verlust erlebt. Es lohnt sich, das zu Beginn offen anzusprechen und klarzumachen, dass niemand mehr Persönliches preisgeben muss, als er möchte. Die freie Themenwahl ist dabei ein echter Schutz: Jede und jeder kann selbst entscheiden, wie nah das eigene Thema an die eigene Erfahrung heranreicht.
Themenwahl
Die Lernenden wählen ihre Schwerpunkte selbst. Bei uns war die Bandbreite groß: Sterbehilfe, Nahtoderfahrungen, Todesstrafe, der Tod im Film, Tod in Kinderbüchern und vieles mehr. Wichtig ist, dass sich Themen nicht doppeln, damit das Buch am Ende vielfältig wird. Eine kurze Themenbörse zu Beginn hilft dabei. Wählt jemand ein Thema, das Suizid berührt, lohnt sich ein kurzes Gespräch über einen verantwortungsvollen Umgang, etwa keine Methoden darzustellen und auf Hilfsangebote zu verweisen.
Rechtliches klären
Bevor die Gestaltung beginnt, steht eine Einheit zu Urheberrecht und Bildrechten an. Welche Bilder darf ich verwenden? Wie gebe ich Quellen an? Was bedeutet eine Creative-Commons-Lizenz? BookCreator macht es hier leicht, denn im Tool selbst stehen lizenzfreie Bilder zur Verfügung. Da das Buch später veröffentlicht werden soll, gehören auch Persönlichkeitsrechte dazu: Erscheinen Namen oder nur Vornamen? Sind Fotos von Personen zu sehen? Bei KI-Bildern lohnt ein Blick in die Nutzungsbedingungen des jeweiligen Tools.
Die Doppelseite gestalten
Jede Person bekommt eine Doppelseite – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diese Begrenzung zwingt dazu, das Wesentliche herauszuarbeiten. Gleichzeitig soll Tiefe entstehen: Die Lernenden verlinken auf weiterführende Medien wie Podcasts, Videos, Homepages oder Interviews, damit Leserinnen und Leser selbst weiterlesen und -hören können. Kontroversen dürfen und sollen sichtbar werden. Gerade bei Themen wie Sterbehilfe oder Todesstrafe ist es spannend, wenn verschiedene Positionen nebeneinanderstehen und begründet werden.
Zusammenführen und veröffentlichen
Sind alle Arbeiten fertig, werden die einzelnen Bücher in BookCreator zu einem gemeinsamen Werk zusammengeführt. Das fertige Buch lässt sich online veröffentlichen oder per Link teilen. Wie öffentlich es werden soll, entscheidest du am besten gemeinsam mit der Lerngruppe.
„Welche Farbe hat der Tod?“ – die KI-Bildaufgabe
Neben der Doppelseite gestaltet jede Person eine Einzelseite mit einem KI-generierten Bild. Die Leitfrage lautet: „Welche Farbe hat der Tod – meine Vorstellung vom Sterben“. Erlaubt sind metaphorische Darstellungen ebenso wie abstrakte. Der eigentliche Wert der Aufgabe liegt aber nicht im Bild, sondern in dem, was davor und danach passiert.
Zuerst setzen sich die Lernenden ohne KI mit der Frage auseinander. Was verbinde ich mit Sterben? Ist es für mich dunkel oder hell, kalt oder warm, ein Ende oder ein Übergang? Diese Gedanken halten sie schriftlich fest, bevor sie den ersten Prompt schreiben. Erst dann geht es an den Bildgenerator. Danach folgt die Reflexion: Finde ich meine Vorstellung im Ergebnis wieder? Was hat die KI getroffen, was hat sie verfehlt oder ganz anders gedeutet? Und wie viele Anläufe hat es gebraucht?
Spannend ist dabei oft, wie stark KI-Bilder zu Klischees neigen: Sensenmann, Totenkopf, düstere Friedhöfe. Wer etwas Eigenes ausdrücken will, muss genau formulieren. Manche Tools blockieren außerdem Prompts mit Begriffen wie „Tod“. Auch das ist ein lohnender Gesprächsanlass: Wer entscheidet eigentlich, worüber eine KI Bilder machen darf?
Bleibt die Frage, wohin die Reflexion gehört. Mein Vorschlag ist eine Zweiteilung. Auf die Bildseite im Buch kommen zwei bis drei Sätze, die das Bild deuten und kurz einordnen, wie nah es der eigenen Vorstellung kommt. So verstehen auch Leserinnen und Leser, was sie sehen. Die ausführlichere Reflexion mit den eigenen Vorüberlegungen und dem Weg über die Prompts geht nur an die Lehrkraft. Das schützt Persönliches und ermöglicht trotzdem eine ehrliche Auseinandersetzung.
So könnte es aussehen
Die folgenden Beispiele sind erfunden, leider finde ich das originale Schülerprodukt nicht mehr. Aber sie zeigen, wie die Ergebnisse aussehen können.
Beispiel-Doppelseite: Nahtoderfahrungen
Auf der linken Seite steht eine kurze Einführung: Was versteht man unter einer Nahtoderfahrung, und wie häufig wird davon berichtet? Darunter sind typische Elemente zusammengefasst, etwa das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen, oder das oft beschriebene Licht. Ein lizenzfreies Bild eines Lichttunnels aus der BookCreator-Bibliothek gibt der Seite Atmosphäre.
Die rechte Seite stellt die Kontroverse dar. In einer Spalte steht die medizinisch-neurologische Erklärung, etwa Sauerstoffmangel im Gehirn. Daneben stehen Deutungen, die darin einen Hinweis auf ein Leben nach dem Tod sehen. Ein kurzer eigener Absatz schlägt die Brücke zum Unterricht: Was hat die christliche Auferstehungshoffnung mit diesen Berichten zu tun – und was gerade nicht? Unten auf der Seite führen drei Links weiter: ein Wissenschaftspodcast, ein Videointerview mit einer Palliativmedizinerin und ein Erfahrungsbericht. Die Quellen stehen klein darunter.
Beispiel-Doppelseite, mit KI (Claude) erstellt. Inhalte, Links und Quellen sind erfunden.

Beispiel-Bildseite

Der Prompt könnte lauten: „Abstraktes Gemälde, ein tiefes Blau geht von unten nach oben in ein warmes Gold über, weiche Übergänge, keine Figuren, ruhige Stimmung“. Darunter steht die kurze Reflexion für die Leserinnen und Leser:
Für mich ist der Tod nicht schwarz, sondern blau – wie die Stunde kurz vor dem Morgen. Das Gold steht für die Hoffnung, dass danach noch etwas kommt. Die KI hat die Farben gut getroffen, aber beim ersten Versuch hat sie einen Friedhof gemalt. Erst als ich alle Gegenstände weggelassen habe, wurde es mein Bild.
Beispielbild zum Prompt, mit KI (Claude) erstellt.
Bewertung
Die Bewertung legt den Schwerpunkt klar auf den Inhalt. So wird deutlich, dass ein schön gestaltetes Buch allein nicht reicht. Die Kriterien sollten die Lernenden von Anfang an kennen.
| Kriterium | Gewichtung |
|---|---|
| Inhaltliche Richtigkeit und Tiefe | 50 % |
| Passende Medien | 20 % |
| Klare und ansprechende Gestaltung | 15 % |
| Sprache und Quellen | 15 % |
Die ausführliche Reflexion zum KI-Bild kann in das Kriterium „Inhaltliche Tiefe“ einfließen oder unbewertet bleiben. Gerade bei einem so persönlichen Thema spricht einiges dafür, sie nicht zu benoten.
Erfahrungen und Tipps aus der Praxis
Am meisten geschätzt haben die Lernenden die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen. Wer sich mit einem Thema beschäftigt, das ihn wirklich interessiert, geht von selbst tiefer. Das hat man den Ergebnissen angemerkt.
Die größte Hürde war das Tool selbst. Für manche war es schwierig, sich gleichzeitig in BookCreator einzuarbeiten und verschiedene Medien sinnvoll zu kombinieren. Die Erfahrung zeigt: Richtig gut wurden die Bücher erst, wenn sich jemand intensiv mit dem Tool auseinandergesetzt hatte. Plane deshalb zu Beginn eine kurze Erkundungsphase ein, in der die Lernenden einfach ausprobieren dürfen – Text einfügen, Links setzen, Audio aufnehmen, Bilder suchen. Eine gemeinsame Beispielseite, die du vorher selbst gestaltet hast, hilft zusätzlich als Orientierung.
Wenn deine Lerngruppe noch wenig Erfahrung mit BookCreator hat, kann es sich lohnen, in Tandems zu arbeiten. Dann gestalten zwei Personen gemeinsam eine Doppelseite und unterstützen sich bei der Technik. Für Klasse 10 empfiehlt sich außerdem eine kleine Linkliste mit geprüften Medien als Startpunkt für die Recherche.
Fazit
Ars moriendi verbindet ein existenzielles Thema mit digitalem Arbeiten, ohne dass das eine das andere verdrängt. Die Lernenden recherchieren, wägen Positionen ab, gestalten und reflektieren – und am Ende steht ein Produkt, auf das sie stolz sein können. Die KI-Bildaufgabe zeigt dabei ganz nebenbei, wo die Grenzen generativer KI liegen: Sie kann Bilder liefern, aber die eigene Vorstellung muss man selbst mitbringen.
Und vielleicht ist genau das die Kunst des Sterbens, wie Psalm 90 sie versteht: sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, um ein weises Herz zu gewinnen.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von KI (Claude) formuliert. Die Beispielseiten sind erfunden. Das Bibelzitat stammt aus der Einheitsübersetzung 2016.

Super tolle Idee!! Vielen Dank